Manü, Mitte Vierzig, ein typischer Vertreter der „Generation Golf“: Eine Kindheit mit „Spass am Dienstag“, Frank Elstner, Esspapier im Freibad und der dringend benötigten Wanne am Samstag Abend. Aufgewachsen in einer westfälischen Kleinstadt, mit Unterbrechungen seit 20 Jahren in München.

Kennst du „Coffee and Cigarettes“ von Jim Jarmusch? 

Natürlich, wunderbarer Film. Dass Cate Blanchet eine Doppelrolle spielt, habe ich erst beim Abspann bemerkt. Großartig. Den Film müsste ich dringend mal auseinandernehmen.

Auseinandernehmen?

Ja, analysieren wie er aufgebaut ist, Szenen rausschreiben. Momentan mache ich eine Zusatzausbildung zum Drehbuchautor, da beginnt man anders hinzuschauen. Von solchen Filmen kann man viel lernen…

Wie trinkst du deinen Kaffee?

Auf jeden Fall ohne Zigarette. Der Kelch ist zum Glück an mir vorbei gegangen. In der Schulzeit saugten mehrere Mitschüler hinter den Müllcontainern hustend mit gespielter Hingabe an einer völlig durchgeweichten Selbstgedrehten. Dieser Anblick hat mich wohl davor bewahrt, selber mit dem Rauchen anzufangen. Aber zurück zum Kaffee: Schwarz, ohne Milch und Zucker. Unverfälscht.

Wie antwortest du auf einer Party auf die obligatorische Frage: Und was machst du so?

Da hol ich erstmal Luft. Mein Job ist nicht in einem Satz zu erklären, deshalb muss ich mir eine Reihenfolge der Tätigkeiten zurechtlegen. Viele Menschen können nicht mehr als drei Informationen aufnehmen, also beschränke ich mich häufig auf drei Fakten.

Welche sind das?

Also erstmal bin ich Schauspieler, seit über zwanzig Jahren. In allen Facetten, die dieser Beruf so bietet: Auf der Bühne, vor der Kamera für Fernseh- oder Werbeproduktionen, als Sprecher fürs Radio, als Rollenspieler, als… Ach, ich wollte mich ja beschränken. Dann bin ich Autor, habe Theaterstücke und Kurzfilmdrehbücher geschrieben, Filmkritiken, Konzepte zur Unternehmenskommunikation, Zeitungsartikel, im Kollektiv schreibe ich eine Comic-Reihe… Und dann ist da noch der große Bereich, den man vielleicht im weitesten Sinne mit Theaterpädagogik umschreiben könnte, hier kommt jetzt KULTUR LE MUC ins Spiel. Seit vielen Jahren realisiere ich mit Jugendlichen und Erwachsenen Theaterprojekte, gebe Workshops, unterrichte Kreativtechniken und trainiere eine Gruppe von Rollenspielern für medizinische Fortbildungen. All das führe ich zusammen mit Ute bei KULTUR LE MUC fort. Unser erstes großes Theaterprojekt, in Kooperation mit dem Kulturreferat München, kommt im April im Pelkovenschlössl zur Aufführung.

Dein Gesprächspartner auf der Party hat sich während deiner Erklärungen bestimmt ein Bier geholt…

War ich zu lang? Vielleicht sollte ich mich bei Twitter anmelden, dann lerne ich, mich kurz zu halten. Oder? Naja, eigentlich will ich mich gar nicht kurz halten… Diese ständigen Vereinfachungen und Verknappungen gehen mir auf den Keks. Theater hat eine eigene Zeitdimension, das genieße ich. Stille aushalten, schweigen, beobachten, was beim Gegenüber passiert im Nullzustand. Wenn ich in einem Rollenspiel als Simulationspatient mit einem Arzt 10 Sekunden geschwiegen habe, weil die Figur eine schwierige Nachricht verarbeitet, halten die Gesprächsteilnehmer diese Pause kaum aus und empfinden diese Zeitspanne wie eine halbe Minute.

Hat Kultur die Aufgabe unsere Gesellschaft zu entschleunigen?

Tja, warum nicht? Kultur soll unsere Gewohnheiten reflektieren, neue Perspektiven zeigen, Denkmuster aufbrechen. Aber Kultur muss erstmal gar nichts, Kultur ist einfach da, ist ein Ausdruck unseres Zusammenlebens. Deshalb finde ich diese Unterscheidung in Kultur und Wirtschaft, oder Kultur contra Kommerz, überflüssig. Wir alle prägen mit unserem Verhalten und unserem Denken unsere Kultur. Mit KULTUR  LE MUC wollen wir in München Impulse setzen, intervenieren.

Was ist dir in der Arbeit wichtig?

Geh dir schon einen Kaffee holen, die Antwort gibt es nicht in einem Satz. Oder doch, ich mach es kurz. Humor, Komik, Witz macht so vieles einfacher. Man kann die Dinge mit Humor viel besser aufnehmen. Die ganze Comedy-Welle Anfang der Neunziger Jahre bei den Privatsendern hatte nur die Aufgabe, mit guter Laune die Aufnahmefähigkeit für die anschließende Werbung zu erhöhen. Humor ist ja nichts anderes als ein Bruch der Erwartungshaltung, deshalb lachen wir. Ähnlich kann Kunst die eigene Erwartungshaltung und eingefahrene Denkmuster verändern. 

Erzähl doch zum Abschluss einen Witz.

Puh, ich kenne keinen. Hab mal gelesen, dass sich humorvolle Menschen schlecht Witze merken, da sie sich wegen des eigenen Lachens die Pointe nicht merken können. Einen hab ich aber doch, einen Klassiker meines Sohnes. Er erfindet dann eigene Varianten und schmeißt sich vor Lachen weg. Mit seinen 7 Jahren wird das Niveau auch langsam besser. Also, gehen zwei Zahnstocher durch den Wald, plötzlich kommt ein Igel vorbei gewackelt. Da sagt der eine: Hätte ich gewusst, dass es hier einen Bus gibt, wäre ich nicht gelaufen.

Den merk ich mir, danke für das Gespräch.

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Schon zittrig vom Koffein? Ein Espresso mit Ute ist bestimmt noch drin.