Ute Reiber ist Schauspielerin und Sängerin und studiert zur Zeit Psychologie an der Fernuniversität in Hagen. Die gebürtige Triererin ist 34 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in München.

Hast du Erinnerung an deinen allerersten Kaffee?

Puh, nein… Wolltest du mich nicht nach meinem Lieblingscafé in Trier fragen? Da ist herrlich, ganz eng, dunkle Regale, die sich vor lauter Kaffeesäcken durchbiegen…

Wer stellt hier die Fragen?

Okay. Zu Frage eins, nein. Aber mein Opa hat immer den Nachlauf getrunken.

Wie bitte? Das klingt so nach… Ich sag es lieber nicht.

Danke. Es ist ganz einfach, man lässt in der Filterkaffeemaschine einfach nochmal Wasser durchlaufen, ohne den Filter zu wechseln und frisches Kaffeepulver einzufüllen.

Hat ihm das geschmeckt oder hatte es Kostengründe?

Hm, wahrscheinlich hat er den richtigen Bohnenkaffee nicht vertragen. Später hat er dann auf Karokaffee gewechselt. Bezahlen musste er als unser Besuch den Kaffee ja nicht. 

Du bist für deine Schauspielausbildung nach München gegangen und spielst seit Jahren in Bad Hersfeld in der hessischen Provinz. Gibt es einen Unterschied im Lebensgefühl oder in der Arbeit zwischen Großstadt und Kleinstadt?

In der Arbeit nicht, Bad Hersfeld ist ein hochprofessioneller Betrieb. Alle Kollegen vor und hinter der Bühne bringen ihre Erfahrung aus anderen Theatern mit. Es spiegelt sich hier das Niveau der größeren Theater. Im Lebensgefühl gibt es schon einen Unterschied, das genieße ich sehr. Hersfeld ist eine kleine Stadt mit 20000 Einwohnern, oder sind es mehr? Hoffentlich tue ich niemanden Unrecht… Mittlerweile kenne ich viele Menschen und treffe Bekannte in der Fußgängerzone, die Hersfelder hegen eine große Wertschätzung für „ihre“ Schauspieler. Bei den Premieren drängeln sich die Autogrammjäger wie bei der Berlinale. Ich hab auch alles vor Ort, Zahnarzt, Frisörin, Osteopath. Schließlich bin ich oft ein Viertel des Jahres dort. Mein Sommerzuhause.

Du singst, spielst, unterrichtest. Wie würdest du dich selber bezeichnen? 

Meinen Beruf? Oder wie? Ich finde, dass man das nicht so voneinander trennen muss. Ob ich auf einer Bühne singe oder spiele macht keinen großen Unterschied, ich stehe in einer Rolle auf der Bühne. Ich wärme mich gleich auf, bin in der gleichen Konzentration. Und beim Unterrichten gibt es für mich auch das Gefühl vom „Auf-der-Bühne-Stehen“, oder im Mittelpunkt zu stehen. Ich würde meinen Beruf als „Bühnenperson“ bezeichnen. Obwohl? Das klingt wie aus einem alten NV-Solo Vertrag. Bühnenperson, weiblich, mit Spiel- und Residenzpflicht. 

Ist das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen, eine Motivation für dich?

Ach nee, eigentlich nicht… Oder? Manchmal, beim Singen vielleicht, da spiele ich ja längere Konzerte, bis zu fünf Stunden, das gibt mir dann plötzlich eine Menge Energie. Obwohl es ja eigentlich andersrum sein sollte. Da pusht es mich schon, im Fokus von auch mal über tausend Leuten zu stehen.

Beim Spielen, und das ist schon ein Unterschied, ist mir das Publikum gar nicht so bewusst. Da nehme ich die Leute nicht so wahr wie beim Singen, die Interaktion mit dem Publikum findet auf einer anderen Ebene statt.

Was sind deine ersten Erinnerungen an München?

Ich war früher schon mal in München zu Besuch, bevor ich auf die Schauspielschule ging. Club Hopping mit einer Freundin bis zum frühen Morgen. Wir waren im Kunstpark, man sieht, ist schon ein wenig her. In meiner Heimat hatten wir die Wahl aus zwei Kneipen, in München hat uns die Auswahl total überfordert, wir sind aufgedreht von einem Club in den anderen gelaufen, um ja nichts zu verpassen. 

Ein Lieblingsort von mir in München ist bis heute das Nymphenburger Schloss, mein Lieblingspark. Da ist alles so beiläufig und doch inszeniert, so ästhetisch, und wenn man tiefer reingeht, fühlt man sich wie im Wald. Der Park ist in jeder Jahreszeit schön. Manchmal denke, jetzt kommt gleich Keira Knightley wie in „Pride an Prejudice“ vorbei geritten.

Was ist der peinlichste Moment auf der Bühne, den du dir vorstellen kannst?

Den muss ich mir nicht vorstellen, unzählige Peinlichkeiten sind mir schon passiert. Ich hab mal total krank einen Gig gespielt, hab die Tage vorher nur im Bett gelegen, mit Kohletabletten ging es so halbwegs. Auf der Bühne kam dann mitten im Lied plötzlich ein Brechreiz, das kann man ja nicht unterdrücken. Dann hab ich meinem Sängerkollegen gesagt, dass ich kurz spucken gehe und bin mitten im Lied runter von der Bühne. Während ich über der Schüssel hing, hab ich im In-Ear verfolgt, wo die Kollegen gerade sind und wann ich wieder rauf muss. Nach drei Minuten bin ich mit jeder Menge Rouge im Gesicht wieder auf die Bühne getorkelt und hab mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Warum ich da ein anderes Oberteil trug, haben die Kollegen nicht gefragt…

Was magst du an KULTUR  LE MUC?

Dass wir zu zweit sind ist ein unschlagbarer Vorteil. Ich mag, dass wir unsere eigenen Projekte entwickeln, Termine und Umfang festlegen.  Wir haben den Raum und die Möglichkeiten, das zu tun, was wir wollen. Das bedeutet Verantwortung, aber auch Freiheit.

Wo siehst du Parallelen zwischen deinem Psychologiestudium und dem Theater?

Naja, den Psychologen wird ja oft nachgesagt, selber eine Macke zu haben. Das trifft auch auf Schauspieler zu. Außerdem braucht man in beiden Professionen Jahre, um richtig gut zu werden. Aber eigentlich sehe ich weniger Parallelen, als ich dachte. Psychologie ist theoretisch, Theater ist praktisch, scheinbar also erstmal wenige Berührungspunkte. Aber in der Arbeit mit KULTUR LE MUC und als Dozentin verbindet sich das Wissen aus der Psychologie mit der Praxis und dem direkten Handeln, der Unmittelbarkeit der Bühne. Dass ich schnell auf Situationen reagieren kann, auf die Menschen eingehen kann, das kommt aus dem Schauspiel. Die Vorbereitung, die Struktur leitet sich aus der Psychologie ab.

Was war deine erste Begegnung mit dem, was man so schön „Kunst und Kultur“ nennt?

Das müsste im Radio gewesen sein. Jeden Sonntag haben wir das Klassik Konzert gehört, den Sender müsste ich jetzt nachschauen. Eigentlich wollte ich natürlich lieber Pop Musik hören, aber wir haben uns unserem Schicksal ergeben, Beschwerden haben ja nichts gebracht. 

Irgendwann kam dann der erste Theaterbesuch in Trier, im „Großen Saal“ im Theater. Ich hatte Husten, war aber so gebannt von der Handlung, dass ich mein lautes Bellen gar nicht bemerkt habe. Bis mir meine Sitznachbarin, eine ältere Dame, ein Hustenbonbon angeboten hat. Da ich aber keinen Zucker essen durfte, und meine Mutter ja auch neben mir saß, hat mich dieses Angebot echt in Erklärungsnot gebracht.

Hast du es genommen?

Ja, und beim Applaus habe ich nach einem zweiten gefragt.

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Geht noch einer? Gönnen Sie sich doch noch einen Kaffee mit Manü.